Das Hütchenspiel ist eine einfache Form des Trickbetruges. Und Opfer eines Trickbetruges wurden wir alle. Warum und Wieso versuche ich in diesem Beitrag zu behandeln.

Wie konnte es denn soweit kommen, dass ein paar Finanzakrobaten in den USA und ihre notorischen Mitläufer in Europa weit über 1000 Milliarden Dollar, vermutlich eher 2000 Milliarden Dollar umverteilt. Ja, Sie lesen richtig, es wurde umverteilt, denn Geld verschwindet nicht (außer durch eine galoppierende Inflation) sondern wird nur umverteilt. Damit wir verstehen können, wie das geschehen konnte beginnen wir ganz am Anfang:

Ein ebenso mittel- wie arbeitsloser Amerikaner im Mittleren Westen der USA möchte auch einmal auf großem Fuß leben. Zahllose Banken und Finanzinstitutionen ringen darum, ihm diesen Traum zu erfüllen. Bedingung: Er muss ein Haus auf sich eintragen lassen und den Kaufpreis von einer dieser Banken bezahlen lassen. Er muss jedoch versprechen, dass er dann irgendeines Tages mal einen Zins und das Darlehen zurückbezahlt, was kein Problem darstellen wird, als das Haus dannzumal ja das Doppelte wert sein werde und er dies aus dem Mehrwert bewerkstelligen könne und das Haus dann ihm alleine gehöre. Ein großartiges Versprechen, da kann eigentlich nichts schiefgehen. Nun muss die Bank, die solch tolle Versprechungen macht, das entsprechende Geld von irgendwoher bekommen, sich also refinanzieren. Dieses Geld bekommt sie nicht so einfach, da es sich ja hier um Hypotheken handelt, die sehr riskant vergeben wurden. Daher muss die Bank das Ganze „umpacken“ respektive von Umpackspezialisten umpacken lassen. Sie hat aber noch einen anderen Grund, zu einer neuen Verpackung des unappetitlichen Happens zu schreiten: Die Boni ihrer Manager. Diese Darlehen sind in ihrer neuen Verpackung nicht mehr als faule Kredite erkennbar und können im Gegenteil als „Finanz-Hightechprodukte“ den gierigen Abnehmern angedreht werden.

Dass die hochdotierten Spezialisten der Rating-Agenturen dazu nicht nur ihren Segen gaben, sondern sogar Höchstnoten verteilten, gibt einen ersten Hinweis darauf, dass es hier um mehr geht als Dummheit oder Gerissenheit. Am Schluss hat man die seit Tausenden von Jahren einfachste Transaktion – Kreditgewährung gegen Zinsen und die durch Sicherheiten gewährleistete Rückzahlung des Kredites – in einen komplexen, völlig undurchsichtigen Taschenspielertrick umgewandelt und als Resultat des neuen „Financial Engineering“ verkauft und das im Betrag von Tausenden von Milliarden von Dollars.

Warum sind nun so viele auf diesen Trickbetrug hereingefallen? Weil wir alle dazu gezwungen wurden. Wer in den letzten zehn Jahren sein sauer verdientes Geld als Sicherheit für das Alter, die Ausbildung der Kinder oder einen späteren Hauskauf auf die Seite legte, verlor jeden Tag Geld, und je mehr er sparte, desto mehr verlor er. Die Zinsen kompensierten bestenfalls die Teuerung, sie lagen aber regelmäßig darunter, besonders, wenn man den Warenkorb mit mehr füllte als nur mit Eiern, Bratwurst und Makkaroni. Sie lagen auf jeden Fall immer darunter, nachdem der Fiskus seinen Anteil an den Zinsen und dem Kapital abgeholt hatte. Wer sein Geld einigermaßen vor diesem Wertzerfall schützen wollte, wurde von seiner beratenden Bank höflich, aber bestimmt in den Finanzmarkt mit all seinen attraktiven Anlagemöglichkeiten gelenkt.Der Treibstoff für diese Massenbewegung war der tiefe Zins, der sowohl in der Dollar- wie der Eurozone während über einem Jahrzehnt gepriesen und angewendet wurde.

Ohne diese Almosen an Zins hätte die Pleitebank ihrem Gringo das Darlehen auf seine Holzbude nicht jahrelang zinsfrei stehen lassen können, sie hätte auch gar kein De-facto-Gratisgeld bekommen; die Pensionskasse in 10.000 km Entfernung hätte keinen Hedgefund gezeichnet, sondern ihr Geld in die klassischen Instrumente wie Obligationen und ein paar Aktien investiert. Nun ist es aber nicht so, dass es der Pleitebank – oder nennen wir sie zeitgemäßer Investmentbank – je um Finanzierung von Häusern gegangen wäre oder um Investment, wie man aus dem Namen schließen könnte. Und schon gar nicht um diejenigen von mittellosen Gringos. Ihr Geschäft war das Umpacken. Das Haus des Gringos diente lediglich als Alibi; es hätte auch eine Hundehütte sein können. Bei diesem Geschäft flossen die Kommissionen und daraus die Boni.

Aus dem oberlangweiligen Gewähren von Hypothekarkrediten war plötzlich eine hochrentable Angelegenheit geworden. Weil niemand sah, dass die Investmentbank offiziell hundert einpackte, der Käufer des Paketes dafür einhundertzehn bezahlte und nicht merkte, dass nur neunzig drin waren. Und das läppert sich zusammen: Umpacker Goldman Sachs konnte alleine im Jahr 2007 seinen Kadern gut 20 Milliarden Dollar Boni ausbezahlen für ihre Bemühungen in Sachen Umpacken, die UBS immerhin noch über zehn Milliarden Dollar.

Es ist schlicht nicht erklärbar, dass man wie Herr Greenspan zehn Jahre lang in aller Offenheit ein Schmierenstück durchzieht, dieses mit sibyllinischen Tönen begleitet, zuschaut, wie die Milliarden im Multipack die Seiten wechseln, die ganze Finanzwirtschaft gegen die Mauer fährt und dies mit dem Wohl der Wirtschaft zugunsten aller rechtfertigt. Leute, die selbst weder investiert hatten in die Banken, die sie lenkten, noch irgendein Risiko an deren Schäden trugen, haben diese maßlos ausgelumpt und das Geld in ihre Taschen gesteckt – der größte Bankraub der Weltgeschichte, der nie hätte stattfinden können, wenn der Oberaufpasser Greenspan den Leitzins dahingebracht hätte, wohin er gehörte. Was aber nicht gesagt wird, ist, dass tiefe Zinsen wichtig sind für die Börse, nicht aber für die Wirtschaft. Die Wirtschaft kann gut leben mit den doppelten, ja dreifachen Zinsen von heute. Und sie hat es während Jahrzehnten getan. Anfang der Achtzigerjahre stand der Leitzins des FED bei knapp zwanzig Prozent, der Realzins bei zehn Prozent. Zwar herrschte eine milde Rezession, aber untergegangen ist die Wirtschaft nicht dabei; sie kam im Gegenteil gestärkt aus jener Periode heraus. In Brasilien werden seit Jahren zehn Prozent Realzins bezahlt und zwanzig Prozent verlangt. Die Wirtschaft wächst.

Wer schon an Investitionsentscheidungen der Industrie beteiligt war oder selbst solche fällte, weiß, dass der Zins nur einer von vielen Entscheidungsfaktoren ist und in den meisten Fällen einer der unwichtigeren. In einer Payback-Rechnung, wo die übliche Zahl von fünf Jahren nicht überschritten werden soll, ist es praktisch unbedeutend, ob ein Zins von vier oder acht Prozent angesetzt wird.

Quelle: Bank, Banker, Bankrott von René Zeyer


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