Wenn Terroristen einen Anschlag verüben, schlagen sie immer doppelt zu. Einmal direkt, in dem sie Menschen töten oder verletzen und hohen Sachschaden verursachen; aber auch indirekt, in dem sie Angst verbreiten.

Die Bilder des Terroranschlags auf das World Trade Center am 11. September haben sich tief in das kollektive Bewusstsein eingebrannt. Und sie haben uns unsere eigene Verwundbarkeit bewusstgemacht. Seitdem haben auch in Europa viele Menschen Angst, Opfer eines Terroranschlages zu werden. Und die Anschläge von Madrid und London geben ihnen scheinbar recht. Doch nüchtern betrachtet ist diese Angst unverhältnismäßig groß. Schaut man sich die Statistik an, ergibt sich ein völlig anderes Bild:

  • Seit 2001 sind in Europa zwar 247 Personen durch einen Anschlag ums Leben gekommen
  • Im selben Zeitraum starben jedoch alleine bei Stürmen 256 Menschen (zum Beispiel durch herabstürzende Äste)
  • Während der Hitzewelle im Sommer 2003 kamen in Deutschland 9.000 Menschen ums Leben
  • Und seit 2001 starben in Deutschland über 50.000 Menschen, weil sie in einem Krankenhaus ein falsches Medikament bekommen haben

Es ist also vergleichsweise unwahrscheinlich, Opfer eines Anschlages zu werden. Psychologen kennen diesen Widerspruch zwischen Angst und Wirklichkeit und sprechen von subjektivem Risikoempfinden. Thomas Kliche ist Experte für politische Psychologie an der Universität Hamburg. Er erklärt, wie es dazu kommt: „Menschen überschätzen Risiken sehr stark, wenn Ereignisse selten eintreten, dann aber mit erheblichen belastenden Konsequenzen verknüpft sind. Da diese dramatischen Ereignisse medial sehr sichtbar sind, wirken sie als Angstsammler, die alle vorhandenen irrationalen Ängste an sich binden.“

Mehr Opfer durch angstgesteuertes Ausweichverhalten

Wie die große Angst vor einem Terroranschlag das Verhalten der Menschen beeinflusst, hat der Leiter des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung Gerd Gigerenzer untersucht: „Die Menschen reagieren unbewusst auf ihre Angst und vermeiden die entsprechende Situation. Doch dieses Ausweichverhalten kann schlimmere Schäden nach sich ziehen und mit einem größeren Risiko verbunden sein, als wenn man weiter machen würde wie bisher.“ Als Beispiel führt er die Reaktionen der US-Amerikaner nach dem 11. September an. Aus Angst davor, dass weitere Flugzeuge entführt werden könnten, sind viele Menschen vom Flugzeug auf das Auto umgestiegen. Vor allem auf den Fernstraßen hat dadurch der Verkehr 12 Monate lang erheblich zugenommen. Die Folgen waren erheblich: Es gab deutlich mehr Unfälle und 1.600 zusätzliche Verkehrstote! Der Anschlag führte also nicht nur zu 256 Toten in den Flugzeugen und zu 2.700 Opfern in den Türmen und dem Pentagon, sondern zu weiteren 1.600 Toten durch ein angstgesteuertes Ausweichverhalten.

Die Berichterstattung in den Medien erinnert die Menschen permanent an die Bedrohung. Dadurch kommt es zu einem weiteren psychologischen Phänomen: Die Menschen identifizieren sich stärker mit der eigenen Gemeinschaft. Alles Vertraute wird unterstützt. Dagegen sinkt die Toleranz gegenüber anderen Gruppen und Meinungen und Ausgrenzungen nehmen zu. Es werden härtere Strafen für alle Arten von Verbrechen befürwortet und Bürgerrechte eingeschränkt. Zu beobachten ist das bei vielen Sicherheitsbestimmungen, die widerspruchslos umgesetzt werden und zu enormen volkswirtschaftlichen Kosten führen. Die Angst und die daraus resultierenden Reaktionen haben so inzwischen mehr Schaden angerichtet als die Anschläge selbst.

Quelle: Ulrich Grünewald, WDR

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